Die Gärtnerei WeserWuchs belebt einen alten Hof neu – mit ökologischer Gemüseproduktion, Hofladen und solidarischem Vereinssystem
Wer in diesen Tagen an der Alten Reihe 33 in Dörverden-Stedorf vorbeifährt, ahnt kaum, was sich hier gerade entwickelt. Das Wohnhaus des alten Bauernhofs wirkt unbelebt, ein paar Fahrzeuge stehen davor, die Scheune ist meist verschlossen. Doch an zwei Tagen in der Woche öffnet sich die kleine Tür – und gibt den Blick frei auf den noch etwas provisorisch wirkenden Hofladen der Gärtnerei WeserWuchs, die den Hof Ende letzten Jahres bezogen hat.
Wer am Tag der offenen Tür am 27. April einen Rundgang hinter die Gebäude machte, konnte sehen, wie viel hier bereits in Bewegung ist. Hinter einer verwilderten Wiese beginnt die Anzucht: Im 300 m² großen Folientunnel stehen Töpfchen mit Jungpflanzen auf einem riesigen Kompost-Mist-Beet. Die Wärme, die durch den natürlichen Verrottungsprozess entsteht, sorgt CO2-frei für angenehme Temperaturen.
Nach der Anzucht wird das Beet mit Paprika, Aubergine und Gurke bepflanzt. Am Ende der Saison hat sich der Mist vollständig zersetzt und wird zu nährstoffreicher Komposterde, die andere Beete versorgt. Zur nächsten Saison wird das Beet erneut mit frischem Material bestückt – der Kreislauf beginnt von vorn.

Auf fast 4.000 m² bauen Resana Nehrke und Michael Paulick Gemüse an – in Folientunneln und unter freiem Himmel.
Eigene Anzucht aus samenfestem Saatgut
Die Jungpflanzen stammen aus samenfestem Saatgut ausgewählter Sorten – sie wachsen im eigenen Anbau weiter oder gelangen über den Hofladen in die Gärten der Region.
Und das ist erst der Anfang: Auf dem angrenzenden Grundstück reihen sich vier weitere 250 m² große Folientunnel sowie eine doppelt so große Fläche an Freiluftbeeten – bepflanzt mit Salat, Fenchel, Zucchini, Kohlrabi, Mangold, Tomaten, Paprika, Möhren und vielen weiteren Sorten.
Gärtnerei und Wohnprojekt: Viel Platz für Neues
Den ehemaligen Bauernhof haben zwei Leute aus dem Ort gekauft, um ihn einem kollektiv geführten ökologischen Gartenbaubetrieb zur Verfügung zu stellen und im Wohnhaus ein selbstverwaltetes Gemeinschaftswohnprojekt aufzubauen. Für die Bewirtschaftung wurde mit Michael Paulick schnell ein Interessent gefunden – für die Entwicklung des Wohnbereiches werden noch Ideen und Interessent*innen gesucht.
Paulick bringt umfangreiche Erfahrungen im Biogemüseanbau und der Vermarktung im Raum Verden und Bremen mit. Vor zwölf Jahren wurde er Mitarbeiter in der Biolandgärtnerei Hamelmann/Emde in Westen, die er vor zehn Jahren pachtete und eigenständig weiterführte. Vor rund sieben Jahren erweiterte er seinen Betrieb zudem durch die Pacht der Gärtnerei Hülsen-Früchte in Dörverden-Hülsen. Das Wirtschaften an zwei Standorten erforderte jedoch einen zunehmend großen Koordinationsaufwand, und so war er froh, als er von der Möglichkeit erfuhr, seinen Betrieb an einem zentralen Standort in Stedorf weiterzuführen.
Verstärkung bekam er von Resana Nehrke, die gerade ihre Demeter-Ausbildung im Raum Oldenburg abgeschlossen hatte und auf der Suche nach neuen Herausforderungen war. Von den innovativen Ideen, die in dem neuen Betrieb in Stedorf umgesetzt werden sollen, war sie sofort begeistert. Darüber hinaus hat der Betrieb auch zwei inklusive Arbeitsplätze besetzt und wird unterstützt durch die freiwillige Mitarbeit von etwa fünf bis sechs der aktuell 20 Mitglieder.
Solidarisch, inklusiv und gemeinschaftlich
WeserWuchs ist als Verein organisiert, der sich zum Teil an den Ideen der solidarischen Landwirtschaft (SoLaWi) orientiert. Im Verein gibt es reine Fördermitglieder, die die Idee ideell unterstützen wollen, passive Mitglieder aus dem Kundenkreis und aktive Mitglieder, die z. B. beim Anbau, der Öffentlichkeitsarbeit oder der Vereinsarbeit unterstützen. Mitglieder zahlen 120 € im Jahr und erhalten 10 % Rabatt auf alle Hofprodukte. Bei entsprechend hohem Bedarf lässt sich dadurch genauso viel einsparen, wie zuvor für die Mitgliedschaft gezahlt wurde. Das sei aber in der Regel nicht der Hauptanreiz für den Beitritt, betonen Paulick und Nehrke. Dass die Beträge zum Jahresanfang überwiesen werden, erleichtert das Wirtschaften sehr, da zu dieser Zeit die Investitionen groß und die Einnahmen gering seien. Zudem unterstützt der größte Teil der Mitglieder den Betrieb mit einer Einlage von mindestens 250 €, die als Darlehen abgesichert ist und zum wirtschaftlichen Fundament des Betriebes beiträgt. Insgesamt 150.000 € wurden vorab in den Betrieb investiert, ein großer Teil davon für die Anschaffung der Folientunnel. Geld, das nun über solche Mitgliedereinlagen eingeworben und so auf mehrere Schultern verteilt werden soll. Hierfür werden noch weitere Mitglieder gesucht. Mittelfristig soll das Geld über die Bewirtschaftung und Pachtzahlungen wieder eingespielt werden.
Agroforst als Modell der Zukunft
Zum Hof gehören weitere landwirtschaftliche Flächen, die aktuell noch verpachtet sind. Werden sie frei, sollen sie in Kooperation mit lokalen Bio-Betrieben, wie dem LohmannHof, als Agroforst selbst weiter bewirtschaftet werden. Bei dieser Anbaumethode werden die Äcker und Beete von Baum- und Buschreihen durchzogen, die – ähnlich wie Knicks und Hecken – das Wachstum der Kulturen unterstützen. Sie sorgen für ein günstiges Mikroklima, indem sie vor Wind schützen, das Wasser halten und vor zu intensiver Sonneneinstrahlung schützen. Das Wurzelgeflecht der Bäume sorgt für die Ansiedlung günstiger Bodenorganismen, und sie dienen als Rückzugsort für eine Vielzahl von Nützlingen. Zudem lassen sich das Holz und das hier wachsende Obst ebenfalls wirtschaftlich nutzen. Neben der eigenen Nutzung möchte WeserWuchs in Zukunft auch Agroforststreifen für andere Betriebe in der Region betreiben – erste Gespräche diesbezüglich haben bereits stattgefunden.
Mitglieder gesucht – Mitmachen erwünscht!
Anders als eine klassische SoLaWi verteilt WeserWuchs seine Erzeugnisse nicht an die Mitglieder, sondern vertreibt sie auf unterschiedlichen Vermarktungswegen. Neben dem Hofladen in der Alten Reihe in Stedorf, der jeden Dienstag und Freitag von 11 bis 18 Uhr geöffnet ist, sind das ein Wochenmarktstand in Bremen-Findorff und eine Abokiste mit regionalem Gemüse der Saison. In der Vermarktung wird auf die Kooperation mit anderen Biobetrieben aus der Region gesetzt und so im gegenseitigen Austausch das Sortiment erweitert.
Wer sich für eine aktive oder passive Mitgliedschaft, eine Mitarbeit – etwa im Agroforstbereich – oder für das geplante Wohnprojekt interessiert, kann sich melden bei WeserWuchs per E-Mail an info@weserwuchs.de. (uc)

