Mit einer neuen Skulptur und hörbaren Lebensgeschichten schafft Svenja Wetzenstein auf dem Achimer Friedhof eine Brücke zwischen Kunst, Erinnerung und der Kraft des Vergebens
Eine Formation aus sieben übermannshohen, rauen Eichenstelen überragt seit dem 28. September die Besucherinnen und Besucher des Friedhofs am Rathauspark in Achim. Aus sechs dieser Stelenbiegen sich rostige Drähte nach oben, deren Enden aus alten Schlüsseln bestehen. Von der zentralen Stelle hingegen erhebt sich eine organische Form gen Himmel. Sie weist einen Durchlass auf, der an ein altes Schlüsselloch erinnert – zugleich aber auch an etwas Körperliches. Durch diese Öffnung fällt der Blick in den Himmel, der mal wolkenverhangen, mal hell und klar oder im Mondlicht erscheint.
Geschaffen wurde die Skulptur von der Achimer Künstlerin Svenja Wetzenstein, die bereits im Vorjahr begonnen hatte, sich mit der Friedhofskultur ihrer Wahlheimat zu befassen. Für den Aktionstag „Tod, wer bist du? – Festival gegen Vorbehalte“ sammelte sie 2024 Biografien von Menschen, die auf dem Rathaus- und dem Parkfriedhof bestattet sind, und bot Führungen zu deren Grabstellen an, bei denen sie aus dem Leben der Verstorbenen erzählte.
Auch die Ende September eröffnete Skulptur befasst sich mit dem Thema Tod, der christlichen Tradition, der Erinnerung und der Erneuerung. Das Kunstwerk trägt den Titel „Bindeschlüssel |Löseschlüssel“ – zwei Begriffe aus dem Neuen Testament, die davon erzählen, wie Petrus die Schlüsselgewalt über das Himmelstor übertragen wurde. „Unter Matthäus, Kapitel 16, Vers 19, sagt Jesus zu Petrus: ‚Ich will dir die Schlüssel des Himmelreichs geben: Was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein.‘“, erläutert die Künstlerin und ergänzt: „Binden und Lösen meint ursprünglich das Festhalten oder Vergeben von Schuld, Zugang oder Ausschluss aus der Kirche.“ Mit ihrer Installation stellt sie der Schlüsselgewalt der Kirche eine andere Sicht gegenüber: „Jedes Leben geht einen eigenen Weg. Jede Seele trägt andere Schlüssel bei sich – zu persönlichen Schlössern, zu verschlossenen Räumen, zu noch ungeöffneten Türen.“ In dieser Perspektive sind die Schlüssel kein äußeres Machtinstrument, sondern eine innere Fähigkeit. Binden heißt festhalten: an Schuld, Groll, Angst oder Urteil. Wenn wir jemandem etwas nicht vergeben, binden wir nicht nur den anderen, sondern auch uns selbst. Die Energie bleibt blockiert; es entsteht ein unsichtbares Band zwischen Täter und Opfer, zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Lösen heißt freigeben: vergeben, loslassen, verstehen. Wenn wir vergeben, lösen wir diese Bindung. Die Energie kann wieder fließen. Wir alle tragen in uns die Fähigkeit, Türen zu öffnen oder zu verschließen. Wer vergibt, öffnet diese Tür; wer festhält, verschließt sie.
(Bild:privat)
Am Fuß der Eichenstelen blühen im Frühjahr gelbe Himmelsschlüsselchen, im Sommer Jakobsleitern und Sonnenhüte, im Herbst schließlich blaue Astern. Sie wurden bewusst ausgewählt und sind ebenfalls Teil der Kunstinstallation, denn ihre Namen verweisen auf den Himmel und die Gestirne – und sie schlagen zugleich eine Brücke zwischen Wurzel und Licht. Während das neue Kunstwerk auf Dauer konzipiert ist, waren die Friedhofsführungen im Vorjahr als einmalige Aktion geplant. Es ist aber nun auch daraus etwas Langfristiges entstanden: An den betreffenden Grabstellen sind inzwischen Schildchen mit QR-Codes angebracht. „Wenn man diesen Code scannt, wird die Geschichte des Menschen erzählt, der dort begraben ist.
Ich bekam dabei dankenswerterweise Unterstützung von Wolfgang Mindermann, der beim Achimer Bürgerradio arbeitet und viel Erfahrung mit Vertonungen mitbringt“, sagt Svenja Wetzenstein. So möchte sie die Lebensgeschichten, die sich hinter den in Stein gemeißelten Namen verbergen, vor dem Vergessen bewahren. (uc)

(Bild:privat)

